
Der lange Weg zum Master
Auf den ersten Blick war die Pressemitteilung noch zum Gähnen. Für besonders anspruchsvolle Studiengänge sollten die Hochschulen bis zu zehn Prozent mehr Credits als üblich vergeben dürfen, forderte Johann-Dietrich Wörner, Präsident der Technischen Universität Darmstadt, kurz vor Beginn der Semesterferien. Abweichungen von der Norm, so Wörner, müssten dann von den Antragstellern begründet werden. Kaum einer merkte zunächst, dass es sich bei der so bürokratisch daherkommenden Initiative um einen schweren Angriff auf die europäische Studienreform handelte. Konsequent zu Ende gedacht, könnte der Vorschlag das gesamte System von Bachelor und Master aushebeln.
Wörner ist Vorsitzender des Akkreditierungsverbunds für Ingenieurstudiengänge (AVI), in dem 29 Universitäten organisiert sind. In ihrem Namen wagt sich der Darmstädter TU-Präsident nun an die Währung von Bologna, die Leistungspunkte. Kritiker sagen: Wer an den Credits herumdoktert, hat es möglicherweise auf die ganze Reform abgesehen. »Das System wird unterlaufen«, warnt Jürgen Kohler, Chef des Akkreditierungsrates, des deutschen Bologna-TÜVs.
Die Einführung der Punkte
Ende der Neunziger bedeutete einen Perspektivenwechsel. Wurde zuvor das Studium nach Semesterwochenstunden berechnet, also den Lehrveranstaltungen, richten sich die Credits nach dem tatsächlichen Arbeitsaufwand der Studenten, dem so genannten Workload. Jedes Seminar, jede Vorlesung ist jetzt eine bestimmte Anzahl an Leistungspunkten wert, die dem Umfang an Referaten oder der Klausurvorbereitung entspricht. 30 Stunden studentischer Fleiß ergeben einen Credit. Pro Semester sollen 30 Credits vergeben werden, das entspricht aufs Jahr gerechnet 1800 Arbeitsstunden, etwa 20 Prozent mehr als die durchschnittliche Arbeitszeit eines deutschen Arbeitnehmers. Bis zur Verleihung des Bachelortitels müssen die Studenten in der Regel sechs Semester und 180 Credits vorweisen, bis zum Master weitere vier Semester oder 120 Credits (siehe Infografik). Weil die Leistungspunkte so zentral sind, genießen sie den besonderen Schutz der Akkreditierungsagenturen, jener Behörden, die für die Anerkennung reformierter Studiengänge zuständig sind.
Deren Prüfer arbeiten derzeit im Akkord, schließlich sollen bis 2010 alle Studiengänge auf die international vergleichbaren, gestuften Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt sein. So sieht es die Vereinbarung von Bologna vor, die über 30 europäische Staaten unterschrieben haben. Vergleichbare Abschlüsse heißt unter anderem: Sie alle bestehen aus der gleichen Zahl an Credits pro Semester. Und genau das wollen die AVI-Universitäten jetzt ändern. »Die Skala muss nach oben hin offener sein«, fordert der Darmstädter Uni-Chef. »In einzelnen Studiengängen muss ein Bachelor mehr Credits wert sein dürfen.« Derzeit schafften es AVI-Hochschulen nur mit Tricks, besonders inhaltsschwere Studiengänge auf das erlaubte Maß an Credits herunterzurechnen, so Wörner: »Das hat nichts mit Transparenz zu tun, und die Vergleichbarkeit ist dann auch nicht mehr da.«

Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner
Wörners Paradebeispiel sind die Wirtschaftsingenieure und die Wirtschaftsinformatiker, deren Studiengänge sich jeweils zu gleichen Teilen aus zwei Fächern zusammensetzen, »und zwar zu zweimal 70 Prozent«. In Semesterwochenstunden sei das ja noch machbar gewesen, doch in das enge Korsett der 30 Semester-Credits ließen sich die Studieninhalte nun einmal nicht pressen. »In gut begründeten Fällen müssen Ausnahmen möglich sein. Schließlich haben wir es hier doch auch mit besonders leistungsfähigen Studierenden zu tun!« Unterstützung bekommt Wörner von seinem Stellvertreter im AVI-Vorstand, dem Vizepräsidenten der TU München, Ernst Rank. »Das wäre ein Signal gegen die typisch deutsche Gleichmacherei«, sagt Rank, der in München ein Elite-Masterprogramm namens Computional Engineering leitet, wo die Studenten schon heute zum Teil 30 Extra-Credits machen. »Es ist absurd, dass wir diesen Studiengang nicht akkreditiert bekommen.«

In der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) genießt die Initiative der 29 Hochschulen bereits Sympathien. »Es wäre eine gute Sache, wenn wir besonders tüchtigen Studenten mehr bieten könnten«, sagt HRK-Präsidentin Margret Wintermantel, die zugleich die Universität des Saarlandes leitet, eine der Unterzeichner-Hochschulen. Doch sie räumt auch ein: »Da ist ganz klar ein Spannungsfeld. Denn es ist natürlich von Vorteil, wenn vergleichbare Abschlüsse mit einem vergleichbaren Aufwand erworben werden.« Drastischer formuliert es Kohler: »Ist der eine Bachelor 180 Credits wert und der andere 200, entstehen unstrukturierte Schnittstellen zum Master.« Die Einschreibung ins Masterprogramm für Bachelorabsolventen anderer Hochschulen sei so praktisch unmöglich, der Studiengang »sozusagen nur für die eigenen Studierenden gemacht. Dann ist die Mobilität gefährdet.« Ebenjene Mobilität ist eine der Haupterrungenschaften von Bologna, über die Kohler und seine Kollegen wachen. Von der Hochschulrektorenkonferenz eingesetzt, bevollmächtigt der Rat aus Professoren, Politikern und Berufspraktikern die Akkreditierungsagenturen, ist sozusagen Oberhüter des deutschen Akkreditierungswesens – und der Credits. Denn erst die machen das Studium planbarer, teilen es in überschaubare Einheiten ein und erleichtern so den Wechsel zwischen den Hochschulen. Der Willkür bei der Anerkennung von im Ausland erbrachten Leistungen sind so ebenso Grenzen gesetzt wie den Versuchen, den Arbeitsaufwand in einzelnen Seminaren auf einsame Spitzen zu treiben.

Prof. Dr. Margret Wintermantel
Mit den Technischen Universitäten hatte Kohler schon häufiger Schwierigkeiten. Im AVI sind sämtliche Mitglieder der so genannten TU-9 vertreten, der selbst erklärten neun führenden deutschen Technischen Hochschulen, zu denen auch Darmstadt gehört. Die TU-9 sind notorische Bachelorrebellen, nur murrend machen sie sich daran, ihre Studiengänge auf die neuen Abschlüsse umzustellen und sich damit vom Diplom, »einer international geachteten Marke«, zu verabschieden. Umso schneller waren sie 2004 mit einer Erklärung zur Stelle, die insistierte: »Der Master ist das Ziel!« Mit der verbalen Aufwertung des Masters einher ging eine Herabwürdigung des Bachelors zur bloßen Durchgangsstation – ein klarer Widerspruch zur Bologna-Erklärung, der zufolge schon der Bachelor fit für den Beruf machen soll. So sehen TU-9-Kritiker auch im aktuellen Vorschlag des AVI einen weiteren Versuch, den Bachelor auszuhöhlen, indem sich am Ende jede Hochschule ihren Abschluss selbst zurechtschneidert.
Doch genau so könnte es kommen, warnen sogar Unternehmerverbände, die von den neun Hochschulen gewöhnlich zu ihren natürlichen Verbündeten gezählt werden. »Wenn die Ingenieure sagen, sie kommen mit dem Workload nicht hin, weil sie so hohe Anforderungen stellen, wollen die Mediziner nicht nachstehen, als Nächstes kommen die Physiker, und so geht es immer weiter«, sagt der Siemens-Manager Frank Stefan Becker, der im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie für Ausbildungsfragen zuständig ist. Klingt logisch: Definiert man Elite über die Zahl der Credits, wollen alle dazugehören. Dabei sei dieses Verständnis von Leistung fragwürdig, sagt Sascha Hermann vom Verein Deutscher Ingenieure: »Mehr Leistungspunkte bedeuten nicht zwangsläufig, dass der Studiengang anspruchsvoller ist. Vielleicht wird der Stoff nur schlechter vermittelt.«
Becker und Hermann sind sich einig: Letzten Endes führen mehr Credits nicht zu mehr Qualität, sie nehmen nur den Druck von den Hochschulen, ihre Studienprogramme wirklich zu entschlacken. Dabei wäre der Veränderungsbedarf gerade in den Ingenieurwissenschaften gewaltig, die Abbrecherquote ist alarmierend. Becker sagt: »Wir würden die Vorteile von Bologna verspielen.« Das wissen wohl auch die AVI-Universitäten – mit einem Unterschied: Sie wollen die Reform ja gar nicht. Plötzlich sieht der Wörner-Vorschlag alles andere als harmlos aus.

Geht es den AVI-Hochschulen dagegen wirklich um die Förderung einiger weniger Elite-Studiengänge anstatt um Freibriefe für ganze Studienfächer, wird sich wohl auch der Akkreditierungsrat nicht quer stellen. »Wenn Wörner garantieren kann, dass wirklich nur die Besten den Sprung ins Programm schaffen und die finanziell so abgesichert sind, dass sie sich voll auf das Studium konzentrieren können, können wir über eine Erhöhung der Credits pro Semester reden«, sagt Kohler. »Auch über eine Erhöhung, die über zehn Prozent hinausgeht.« Der Dammbruch wäre bei solch rigiden Voraussetzungen vermieden, Bologna gesichert. Ob die AVI-Universitäten dann noch Interesse an mehr Credits haben, und das um den Preis teurer Auswahlverfahren und Stipendien, bleibt abzuwarten. Momentan zumindest sieht Kohler die genannten Voraussetzungen, was Wunder, »in den Akkreditierungsverfahren nirgendwo nachgewiesen«.
Quelle: DIE ZEIT
