Frankreich: Elite-Uni vor ungewisser Zukunft

Von Kim Rahir, Paris

Sie ist so bewundert wie umstritten: die französische Kaderschmiede ENA. Nun könnte es der Elite-Hochschule an den Kragen gehen. Der liberale Präsidentschaftskandidat Bayrou will die Hochschule abschaffen. Widerspruch erhält er aus einer ungewohnten Ecke.

Es ist eine alte Weisheit für Revolutionäre: Um einen Umsturz erfolgreich über die Bühne zu bringen, müssen Symbole des alten Regimes publikumswirksam beseitigt werden. Diesen Grundsatz befolgt auch Frankreichs liberaler Präsidentschaftskandidat François Bayrou. Die Institution, deren Ende er verlangt, ist die Elite-Hochschule ENA (Ecole nationale d’Administration).

Kaderschmiede für die Republik: Berühmte Enarchen
0102062747900.jpg0102080845000.jpg0102082153600.jpg

-> Link zur Fotostrecke UniSpiegel.de

Bayrou hat ernstzunehmende Chancen auf den Sieg: Sollte es ihm gelingen, den zweiten Wahlgang zu erreichen, gilt es als sehr wahrscheinlich, dass er Frankreichs nächster Staatschef wird. Dann könnte es der ENA wirklich an den Kragen gehen: Denn im Gegensatz zu einem Großteil der französischen Elite in Politik, Wirtschaft und Verwaltung ist Bayrou kein “Enarch”, wie die Absolventen der Kaderschmide genannt werden.

Bei den Franzosen gilt die Schule als das Markenzeichen der traditionellen Führungsschicht. Deswegen findet sich im aktuellen Wahlkampf – in dem die meisten Kandidaten einen Neuanfang propagieren – auch niemand, der sie in Schutz nimmt. Das zeigt die Reaktion der anderen Kandidaten: Sie kritisierten das Vorgehen Bayrous als demagogisch und warfen ihm vor, keine neuen Ideen zu haben. Doch keiner schrieb sich die Verteidigung der Kaderschmiede auf die Fahnen. Denn in diesem Wahlkampf geht es den meisten Kandidaten darum, sich gegen das althergebrachte System zu stellen, um bei den überdrüssigen Franzosen zu punkten. Und nichts steht mehr für das französische Nachkriegssystem als die ENA. “Die ENA ist ein Symbol des Staates. Und der Staat wird immer zugleich bewundert und gehasst“, sagt Arnaud Teyssier, Vorsitzender eines ENA-Ehemaligen-Vereins und selbst Absolvent von 1992. “Die Franzosen haben eben eine zwiespältige Beziehung zum Staat.

Das weiß auch der konservative Kandidat Nicolas Sarkozy, der sich über Bayrous Vorschlag lustig machte, aber im selben Satz darauf hinwies, dass auch er kein ENA-Absolvent sei. Von den zwölf Bewerbern um das höchste Staatsamt sind in diesem Jahr nur zwei Enarchen: die Sozialistin Ségolène Royal und der Rechtspopulist Philippe de Villiers. Das war nicht immer so: In den vergangenen 30 Jahren hatten zwei Präsidenten – Valéry Giscard d’Estaing und Jacques Chirac – sowie sieben Premierminister die Bänke der Beamtenhochschule gedrückt.

Unzählige Reformversuche, wenig Änderungen

Ob so eine Kaderschmiede für die Top-Positionen im Staatsapparat und in der Wirtschaft wirklich eine gute Idee ist, wird dennoch seit langem gefragt. Schon 1969 wurde das erste Mal über ihre Reformierung nachgedacht. Seitdem hat es unzählige Ausschüsse, Kommissionen und Berichte über die beste Ausbildung für die Spitzenbeamten der Republik gegeben. Viel geändert wurde am System aber nicht: Für eine Zulassung muss der Bewerber einen Wettbewerb absolvieren, der Kurs dauert gut zwei Jahre.

Reformiert wurde unter anderem die Zeit der Praktika, die zur Bekämpfung der oft kritisierten Realitätsferne verlängert wurden. Der vorerst letzte ENA-Rapport einer Untersuchungskommission aus dem Jahr 2003 forderte zum x-ten Mal, dass die ENA sich der Außenwelt mehr öffnen müsse. Aber an sich, so schrieb Kommissionschef und Enrach Yves-Thibault de Silguy, sei die ENA als Einrichtung sehr nützlich. Viele Staaten der Welt beneideten Frankreich um diese Schule. Tatsächlich sagten noch vor drei Jahren 62 Prozent der Franzosen in einer Umfrage, sie seien stolz auf diese französische Ausnahmeerscheinung.

0102082745500.jpg
Präsidentschaftskandidat Bayrou: “Die Franzosen verstehen diese Sprache nicht mehr.”

Die ENA ist das Symbol der Pariser Eliten geblieben, die Macht und Geld seit Jahrzehnten unter sich aufteilen. Auch der Umzug der Hochschule von Paris nach Straßburg, in den neunziger Jahren von der sozialistischen Premierministerin Edith Cresson verhängt und 2005 abgeschlossen, ändert nichts an dieser Wahrnehmung. “In den vergangenen 30 Jahren hat sich vor dem Hintergrund einer wirtschaftlichen Krise der Graben zwischen den Franzosen und ihren Eliten vertieft, denen sie vorwerfen, die Macht für sich allein zu beanspruchen“, kommentierte die Tageszeitung “Le Parisien” den Vorschlag Bayrous.

Bei ihrer Gründung im Jahr 1945 war die Idee jedoch eine ganz andere: Charles de Gaulle und der kommunistische Politiker Maurice Thorez brachten gemeinsam die Schule auf den Weg, die nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs ein republikanisches, auf Verdienste gegründetes Beamtencorps hervorbringen sollte.

Lob aus ungewohnter Ecke

Genau das leiste die Schule auch, findet der einstige Vorsitzende der Anti-Globalisierungs-Bewegung ATTAC, Jacques Nikonoff, der versichert: “Ich war Arbeiter und Arbeitsloser, doch das hat mich nicht daran gehindert, diese Schule zu besuchen. Wenn diese Aufstiegsmöglichkeit gestrichen wird, macht Frankreich einen Satz zurück.”

Bayrou hingegen kritisiert die Schule als elitären Club, dessen Mitglieder die Macht unter sich aufteilen. Es gebe viele verdienstvolle, fähige Leute, die keine hochrangigen Funktionen besetzen könnten, weil sie nicht die ENA besucht hätten. Die Spitzenpositionen teile sich “ein Club von Personen, die die gleiche Ausbildung gemacht haben, die einander alle kennen und die gleiche Sprache sprechen”, so der liberale Kandidat. “Aber die Franzosen verstehen diese Sprache nicht mehr.

Quelle: UniSpiegel.de

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.